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BERUFSBERATUNG FÜR ABITURIENTEN I – POLITIKER

Das Schuljahresende naht, und der ohnehin vom Abitur-Streß gebeutelte junge Mensch benötigt dringend eine Orientierung bezüglich der Berufswahl. Auf die Arbeitsämter (Stopp! Arbeitsagenturen! Soviel Zeit muß sein!) ist nur wenig Verlaß, da bekanntlich zuviele Bestandskunden betreut werden müssen. Daher werde ich in loser Folge einige attraktive Berufe vorstellen, um gemeinsam mit den jungen Leuten Deutschland endlich aus der Krise zu holen! Heute: »Politiker«.

Zunächst die gute Nachricht: »Politiker« ist gar kein Beruf! Das ahnten wir Normalos zwar schon immer, aber es ist gut zu wissen, daß dies auch offiziell ist. Zumindest gibt es keine formelle Ausbildung dafür, so daß alle Politiker als Quereinsteiger betrachtet werden können, sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit vom Ein-Euro-Jobber direkt in das Zentrum der Macht. Entsprechend bunt sind auch die verschiedenen Volksvertretungen zusammengesetzt. Der Neueinsteiger braucht sich daher auch nicht zu schämen, wenn er hin und wieder mal dummes Zeug erzählt. Das ist ganz normal und wird von den zukünftigen Kollegen toleriert. Aufgemuckt wird nur, wenn die eigene Macht gefährdet ist.

Welche Qualitäten also braucht der junge Mensch, um in der Politik durchstarten zu können? Wer sofort auf höchster Ebene erfolgreich sein will, kommt um die Grünen nicht herum: dort ist man per Definition jung, querulant und ausgestattet mit – nennen wir es mal – »ungewöhnlichen Vorstellungen« vom richtigen Leben. Natürlich sind einige Parteifürsten schon mal etwas älter und angepasster, aber dem Nachwuchstalent verstellt wenigstens keine »Jugendorganisation« (»Die jungen Grünen«, das klingt schon schlimm) den Weg in die Unkündbarkeit. Wer aber mit den Grünen nichts anfangen kann, der muß den Spuren von Kanzler Gerhard folgen und beispielsweise bei den Jusos anfangen.

In welcher Partei auch immer die Karriere beginnt, man muß vier wesentliche Eigenschaften mitbringen: schnell sein, eloquent reagieren, clever agieren und Aufrichtigkeit (vermeide »Ehrlichkeit«) ausstrahlen! Was sich schwer anhört, ist in Wirklichkeit ganz einfach: man muß nur die aktuellen Machtverhältnisse erkennen und vorhersehen, wie sie sich verschieben werden (bekannt als »die Stimmung«), um dann dem größeren Lager zuzustimmen (wichtig!). In der Regel ist das nämlich die Gruppe, die einen später wählen soll – gleichgültig, ob es der Mann auf der Straße ist oder ein Parteitag. Es ist leider nicht damit getan, einfach immer nur »ja« zu sagen. Jasager sind unbeliebt. Es sollte schon ein wenig argumentiert werden – oder zumindest mit schönen Worten Unbequemes gesagt werden (eine Karriere als Klassensprecher ist hier hilfreich).

Meinungen dürfen sich in einem Gespräch diametral ändern. Es darf nur nicht auffallen! Hardliner wie in Schleswig-Holstein (»Heide Simonis wurde mit überzeugender Mehrheit wiedergewählt, und wir stehen voll hinter ihr«) sind zu leicht zu durchschauen, wenn die Dinge dann doch nicht so kommen wie erwartet. Und das Volk frohlockt.

Als Dankeschön für gute Arbeit winken bei etwas Durchhaltevermögen ein bequemer Ministersessel und ein Geldregen, der zumindest die weitere Lebensplanung erleichtert.




Ihr Kolumnist:
Mark Zanzig
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