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RESERVIERT

Heute möchte ich einen wenig beachteten, aber doch bemerkenswerten Umstand beleuchten, der für beinahe jeden von uns wichtig ist (naja, gleich nach der Staatsverschuldung und dem Niedergang der Demokratie): Reservierungen in Gaststätten. »Banal« höre ich sie sagen. Doch halt! Das trifft den Kern bei weitem nicht.

Geht man nämlich »einfach nur so« in eine Gaststätte, aus einer Grille heraus und ohne Reservierung, ist diese entweder völlig ausgestorben oder rappelvoll. Vorbei die Zeiten, als man noch arglos irgendwo hineingehen konnte, um eine angenehm gefüllte (70% aller Plätze), aber eben doch nicht übervolle, Gaststube vorzufinden.

Schauen wir gemeinsam an einem beliebigen Abend in eine moderat angesagte Lokalität: Auf den drei freien Tischen stehen kleine Pappkärtchen (Edelstahl ist zu teuer), die uns »reserviert« entgegenschreien. Darunter in krakeliger Schrift (Pisa läßt grüßen, aber man freut sich ja schon, wenn die jungen Leute überhaupt noch schreiben können!) ein Name (meist falsch geschrieben), eine Uhrzeit und eine Personenzahl (selten). Wenn man nicht das Glück hat, so zu heißen wie der rechtmäßige Inhaber der Reservierung (gut wenn man »Meier« heißt!), dann wird die ohnehin überforderte Bedienung auf die Theke deuten, wo angeblich »noch genug Platz« sei. Dort muß man sich dann entscheiden: Soll man, halb im Stehen und inmitten der fröhlichen Cocktail-Gesellschaft, das in der Zeitung hoch gelobte Souper für 45,80 Euro (pro Person) zu sich nehmen? Oder doch hungrig bleiben und auf eine Verspätung im Nahverkehr hoffen – um dann mitzuerleben, wie ein Hippie-Pärchen in allerletzter Sekunde in den Raum stürmt und den für zehn Personen reservierten Tisch einnimmt (»Sorry, die anderen fünf kommen später«)?

Das andere Extrem ist nicht viel schöner: beim Betreten des Lokals (Kategorie Nouvelle Cuisine) fällt bereits der verheißungsvolle, aber doch etwas zu intensive Geruch frischer Farbe auf. Schnell merkt man, daß gar keine Gäste da sind. Sofort schießen quälende Fragen durch den Kopf: Ist das Lokal schon eröffnet? Wenn ja, warum ist hier keiner? Ist es überhaupt gut, als erster ein Lokal zu bevölkern? Und über wen soll man lästern? Dann sieht man die besagten Pappkärtchen auf jedem Tisch stehen, und die Puzzle-Teile fallen ineinander: Neues Restaurant, gerade eröffnet, und der Wirt hilft mit dem billigsten aller Marketing-Tricks – Nachfrage vortäuschen, die es nicht gibt. Und bevor man reißaus nehmen kann, ist auch schon die Bedienung (hier: »der Garçon«) bei einem. Artig fragt er: »Haben Sie reserviert?« – »Nein, wir, äh, wollten ihr Restaurant nur mal probieren.« Worauf er durch den Raum stolziert, einem den besten Platz (publikumswirksam direkt am Fenster!) zuweist und einfach das Schildchen ohne Namen (braucht man noch für den nächsten Abend) fortnimmt. Potzblitz! Er hat noch nicht einmal geschaut, wen er da gerade um seine Reservierung gebracht hat. Wenn das jetzt der Oberbürgermeister war... Nun gut, der Oberbürgermeister weiß gar nicht, daß es das Lokal gibt. Stattdessen finden im Laufe des Abends noch zwei weitere Paare den Weg in das Lokal. Die restlichen Tische bleiben unverständlicherweise leer, trotz Reservierung.




Ihr Kolumnist:
Mark Zanzig
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