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HEDGEFONDS

Eigentlich müssten wir reich sein, denn wir sind jung und kreativ und harte Arbeiter (hört sich besonders gut an, weil es so sozialistisch klingt, nach körperlicher Arbeit und Schweiß). Meine Frau arbeitet nämlich bei einer Fondsgesellschaft. Im Vertrieb. Da werden jeden Tag Millionen verschoben. Und seit kurzem weiß ich, daß sie nebenbei noch eine andere kleine, lukrative Karriere zu laufen hat!

Aber der Reihe nach: Oft sitzen wir nach getanem Tagwerk beim Fernsehen, und wie das so ist in politsch korrekten, gleichberechtigten Beziehungen, läßt man natürlich auch seine Frau mal das Fernsehprogramm auswählen – man will ja nicht als Tyrann dastehen. Bisweilen schaut meine Frau dann sogar gezielt fern, ganz ohne Zapping, und zwar die Sendungen, die sie mit kleinen Kreuzchen am Vorabend in der Programmzeitschrift markiert hat. Intellektuell verloren hat Mann, wenn eine Sendung schon von der Redaktion als »Schmonzette« angekündigt wird. Bleibt das gute Gefühl, daß es wenigstens mit der Taschentuchindustrie bald wieder bergauf gehen müsste. Und wir als harte Arbeiter bekommen eine Vorstellung, wie es sein muß, in einer Villa am Comer See zu leben, komplett mit Yacht, Gärtner und Hausmädchen. Natürlich gibt es diese Einblicke nicht ohne den obligatorischen erhobenen Zeigefinger: auch die Reichen haben Probleme! Das mag sein, aber in Zeiten von Hartz IV wären 95% der Bevölkerung froh, solche Probleme zu haben.

Ich schalte bei solchen Sendungen ab (geistig, meine Hülle bleibt da) und döse vor mich hin. Nach einiger Zeit faszinierten Schauens seufzt meine Frau dann und sagt etwas wie: »Jetzt kommt bestimmt der alte Gärtner zu ihm, das ist sein richtiger Vater, und gemeinsam singen beide ›La-Le-Lu‹, und dann ist Schluß.« Was an sich schon so absurd ist, daß es eigentlich keines weiteren Kommentares bedürfte. Wenn es nicht doch immer genau so kommen würde! Und ich wundere mich: Woher wußte sie das? Auf soetwas kommt doch kein normaler Mensch.

Inzwischen bin ich mir sicher: Sie verschweigt mir ihren Nebenjob als Drehbuchautorin! Zum einen, um meine eigenen, völlig lächerlichen Versuche, dieser kleinen Kolumne Leben einzuhauchen, nicht im Keim zu ersticken. Der Ehemann muß ja beschäftigt sein, sonst kommt er auf dumme Gedanken. Zum anderen, damit sie ihre neuen Reichtümer – im Filmgeschäft sind doch alle reich – locker zur Seite schaffen kann. Zum Beispiel in die Schweiz. Das würde auch die häufigen »Dienstreisen« nach Zürich erklären.

Aber sie streitet alles ab und macht sich sogar lustig über mich: »Hättest Du hingeschaut, dann hättest Du's auch gewußt«. Ganz so, als wäre es ein Krimi, bei dem es darum geht, den Täter zu entlarven und die Menschheit vor Bösewichtern zu bewahren.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, was meine Frau mit dem vielen Geld anstellt? Warum, zum Teufel, wohnen wir nicht in einer schönen Villa am Comer See, mit Yacht, Gärtner und Hausmädchen? »Hedgefonds«, sagt sie trocken, als ich sie zur Rede stelle, »ich habe das Geld in unseren Hedgefonds versenkt.«

Der Beginn einer neuen, herzzerreissenden Schmonzette?




Ihr Kolumnist:
Mark Zanzig
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