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WER WIRD MILLIONÄR?

Um eines gleich klarzustellen: Wir gehören nicht zu diesen Konsumgegnern, diesem widerlichen Pack, das jeden Cent fünfmal umdreht, bevor sie überlegen, ihn eventuell auszugeben. Abschaum! Nein, wir möchten, daß es mit Deutschland wieder aufwärts geht. Wir wollen unser Geld ausgeben. Ehrlich. Deshalb suchen wir eine Immobilie für uns, jawoll, zur Selbstnutzung!

Der Schönheitsfehler: Wir suchen leider nicht in Halberstadt – sie wissen schon, die Weltstadt mit Herz irgendwo zwischen Goslar und Magdeburg –, wo »der geschickte Handwerker« schon für lächerliche 12.000 Euro eine hübsche Wohnung mit 46 Quadratmetern erwerben kann. Nein, wir suchen in München, der Stadt mit der höchsten Cabrio-Dichte Deutschlands. Dort, wo das Geld an den Bäumen wächst und sogar die Penner ordentlicher aussehen als sagen wir mal in Frankfurt. Und so habe ich in letzter Zeit immer häufiger den gleichen Traum – wie ich als Kandidat Günter Jauch in seiner Show »Wer wird Millionär?« gegenübersitze…

Die 4.000-Euro-Frage habe ich im Sack. War ja einfach genug. Mein Puls nimmt langsam Fahrt auf. Doch bevor es weitergeht, beugt sich Herr Jauch zu mir herüber. Interessiert fragt er die Frage aller Fragen, auf die ich mich seit Wochen vorbereitet habe: »Und wenn hier alles gut geht, was würden Sie denn mit dem Geld anstellen?« – »Ja, also, das würden meine Frau und ich in eine Eigentumswohnung stecken.« – »Und wo wäre die?« – »In München.« – Gelächter im Publikum. Die kennen offenbar die Immobilienpreise in München. Auch Jauch lächelt mitleidig und macht weiter im Programm: »Na, dann auf zur 8.000 Euro-Frage. Kann man damit denn schon was anfangen?« – Ich räuspere mich. »Für einen Tiefgaragenstellplatz würde es vielleicht schon reichen.« Dudeldi-dudeldi-dudeldi-dusch. »Hier kommt Ihr Tiefgaragenstellplatz, wenn Sie mir diese Frage beantworten: Wie heißt die Ortschaft, die auf halber Strecke zwischen Goslar und Magdeburg liegt, wo der Quadratmeter noch 260 Euro kostet? A Halberstadt B Duderstadt C Glückstadt D Neustadt?« – Easy, ich bin ja schließlich in meinem Traum.

Später in der Show (die Joker sind längst weg, verbraucht für eine bekloppte Fußball-Frage) habe ich die 125.000 Euro sicher, und die 250.000 Euro sind zum Greifen nah. Süffisant bemerkt Herr Jauch, dem ja halb Potsdam gehören soll: »Für eine hübsche Wohnung reicht's jetzt schon, oder?« – Ich nicke nur stumm und füge mit gequältem Lächeln hinzu: »Ja, im Hasenbergl bekommt man dafür schon eine kleine Souterrain-Wohnung.« – »Hasenbergl? Klingt nett.« – »Äh, ja, also, das ist eine Plattenbausiedlung im Norden von München. Wir sind ja eh' ziemlich multikulturell eingestellt, und Döner mag ich auch.« Schnitt auf meine Frau, die im Publikum sitzt und nickt. »Findet ihre Frau auch. Sollen wir uns die nächste Frage mal anschauen? Sie wollen doch bestimmt noch ein paar Quadratmeter dazu haben? Raus aus dem Plattenbau?«

Der Traum endet jedesmal an dieser Stelle. Schweißgebadet wache ich auf, um beruhigt festzustellen, daß ich immer noch in unserer (sündteuren) Mietwohnung am Rotkreuzplatz bin. Und nicht am Hasenbergl. Oder gar in Halberstadt.




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Mark Zanzig
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