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TREUESCHWUR FÜR DEUTSCHLAND

Aufwärts, Deutschland! Diesen Ruf hört man ja häufig dieser Tage, zuletzt von Bundespräsident Horst Köhler, der uns alle aufforderte, sinngemäß, für Arbeit alles stehen und liegen zu lassen und auch mal fünfe gerade sein zu lassen. Er hat es natürlich schöner formuliert, aber dafür ist er ja auch der Bundespräsident.

Applaus wird er von der Lufthansa bekommen haben, unserer großen deutschen Fluglinie (neudeutsch »Airline«). Nicht nur, daß man jetzt endlich endlich die Swiss übernehmen darf, was ja Arbeitsplätze schafft und sichert (wenngleich nicht in Deutschland, aber vielleicht weiß der Bundespräsident schon mehr?). Nein, nun werden von höchster Stelle die Anstrengungen gewürdigt, die man bei der Lufthansa zur Schaffung von Arbeitsplätzen unternommen hat. Bestes Beispiel: die Online-Buchungsengine, ein Spitzenprodukt deutscher Programmierer (vergesst Indien!), mit viel Liebe zum Detail entwickelt. Funktioniert tadellos! Meistens jedenfalls. Neulich wollte ich meiner Frau mal einen Flug schenken, damit sie und ich ein wenig ausspannen können (sie beim Shoppen in der Ferne, ich beim Bierchen daheim). Also flugs (hahaha) die Webseite geöffnet und eine passende Verbindung herausgesucht. Dann noch die Kreditkarte eingegeben, und – Fehlermeldung! »Aus Sicherheitsgründen ist diese Buchung nicht zulässig«. Dabei standen wir beide beim Besuch von George W. in Mainz mit kleinen USA-Fähnchen am Straßenrand. Man weiß ja nie, wozu es mal gut sein könnte, gewunken zu haben, insbesondere, wenn Georgie-Porgie mal wieder Deutschland befreien muß. Kurzum – es konnte sich bei der Fehlermeldung nur um ein Versehen handeln. Woraufhin ich meine güldenen Fingerlein die Nummer der Lufthansa wählen ließ. Service wird ja groß geschrieben, nicht erst seit der Rechtschreibreform. Und tatsächlich: Ein freundlicher Herr mit unterschwellig sächsischem Akzent (freut Herrn Köhler!) erklärte mir, daß man einen Flug nur dann online buchen könne, wenn man selber auch mitfliege. Aha. Er bot mir sogar an, genau die Buchung von Hand vorzunehmen, die mir die Webseite eben noch so dreist verweigerte. Wunderbar! Solch Tatendrang brauchen wir jetzt – vergesst die Webseiten, nieder mit den Maschinen! Sprecht miteinander! Und dreißig Euro »Servicegebühr« für die persönliche Buchung sind doch nicht zuviel! Nur gemeinsam können wir Deutschland aus der Patsche helfen. Weiter so, Lufthansa!

Aber zurück zu Horst Köhler, der sich in seiner Rede ein weiteres Mal als unverbesserlicher Realist geoutet hat: »An die Spitze kommt man nicht im Schlafwagen!« hat er gesagt. Gut, das war uns allen schon immer klar. Genaugenommen kommt man nirgendwo hin, wenn man sich auf die Bahn verlässt (und schon gar nicht dahin, wo man hin möchte, nämlich an die Spitze!) – aber darf der Bundespräsident die Bundesbahn so öffentlich rüffeln? Wo bleibt da der Treueschwur? Arbeiten bei der Deutschen Bahn denn keine Menschen? Werden dort nicht auch viele Milliarden gescheffelt? Darf man den geplanten Börsengang so torpedieren?

Ich stehe jedenfalls voll und ganz hinter unserem Bundespräsidenten! Weg mit den miefigen, ewig verspäteten Schlafwagen ins Nirgendwo! Und mehr Call-Center in Sachsen.




Ihr Kolumnist:
Mark Zanzig
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